Der Artikel über den Artikel

Die Betrachtung der deutschen Sprache ist für viele untrennbar mit den Schrecken verknüpft, die sie jahrelang im Deutschunterricht ertragen mussten. So plagt das Thema Grammatik – oder auch: Reflexion über Sprache – seit Generationen deutsche Schüler.

Zwar sagen die meisten Deutschen, man müsse die eigene Grammatik genaustens kennen; die allerwenigsten tun dies aber. Klar: intuitiv beherrschen wir die Regeln; doch kaum jemand kann erklären, warum wir auf die Bühne gehen, aber auf der Bühne stehen. Die Beantwortung solcher Fragen scheut man meist aus Angst, sich im terminologischen Dschungel grammatischer Begriffsungetüme hoffnungslos zu verirren. Und so folgt meist die Standardklausel: Das ist im Deutschen einfach so.

Allein Bastian Sicks fünfteilige Buchreihe „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“, in der der Autor Zweifelsfälle der Grammatik, der Rechtschreibung und der Zeichensetzung sowie von ihm als unschön empfundene Ausdrucksweisen der deutschen Sprache behandelt, vermochte es, dass sich Deutschland eine Zeitlang wieder intensiv mit seiner eigenen Sprache beschäftigte, auch wenn viele Sprachwissenschaftler vor Sicks populärwissenschaftlichem Werk warnen.

In unserem Theater – und damit komme ich nun endlich zum Thema dieses Artikels – gibt es seit Jahren ein Thema, das dem Bereich der Grammatik zuzuordnen ist, nämlich der Artikel. Nein, es geht nicht um einen Zeitungsartikel – doch, geht es wohl, jedoch nicht in erster Linie –, sondern um den Begleiter, also: der, die, das oder auch: ein, eine, ein.

In den vielen Zeitungsartikeln, die auf unsere Aufführungen hinweisen oder von diesen berichten, findet man oft einen Passus wie: „Die TheaterLaien führen wieder auf.“ Hier wird der Name unseres Theaters als sogenanntes Determinativkompositum aufgefasst. Ein schwieriger Begriff, hinter dem sich allerdings etwas Einfaches verbirgt: Wörter wie Turmuhr, Lampenschirm oder Stuhlbein sind ebenfalls solche Komposita, bei denen zwei Wörter miteinander verbunden werden. Eine Turmuhr ist eine Uhr am Turm, ein Lampenschirm ein Schirm an einer Lampe und ein Stuhlbein ein „Bein“ eines Stuhls. Diese zusammengesetzten Wörter haben alle gemeinsam, dass sie vorne betont werden: Túrmuhr, Lámpenschirm, Stúhlbein. Demnach müsste unser Theater TheáterLaien ausgesprochen werden und die Laien bezeichnen, die Theater spielen – beides trifft nicht zu. Zum einen betont man den Namen unseres Vereins hinten (TheaterLaíen), zum anderen sind wir das Theater mit dem Namen „Laien“, also das TheaterLaien. Und diese Art der Namensgebung ist nicht ungewöhnlich; man vergleiche einfach die Namen anderer Essener Theater: Das Theater Éxtra, Das Theater Thésth (alle hinten betont und sächlich). Das einzig Unterscheidende ist, dass der Name unseres Theaters zusammen geschrieben wird; ein Unterschied, der jedoch durch das groß geschriebene „L“ in „Laien“ relativiert wird.

Und somit – um zum Schluss meines Artikels zu kommen – ist auch ganz klar Wolfgang Sykorras grammatikalischer Einschätzung den Artikel unseres Vereinsnamens betreffend zu widersprechen. Denn in einer Fußnote seines Buchs „Von der Penne in die Welt“, in dem unserem Verein dankens-werterweise ein ganzes Kapitel gewidmet ist, schreibt er: „Das Ensemble nennt sich in künstlerischer Freiheit Das TheaterLaien und nicht – wie grammatisch zu erwarten wäre – Die TheaterLaien“ (S. 119, Fußnote 487). Aber ich will mich weiß Gott nicht beklagen, weder über die Zeitungen noch über meinen alten Schulleiter – so gibt es wenigstens mal einen Anlass, über Grammatik zu sprechen …

Tim Meier