Friedrich Dürrenmatt

Seine Theaterstücke und Kriminalromane sind oft durch groteske Elemente und das Verfahren der Verfremdung geprägt. Dabei gerät seine Literatur immer auch zum Angriff auf die verlogene Doppelmoral der Gesellschaft.

Dürrenmatt wurde am 5. Januar 1921 als Sohn eines protestantischen Pfarrers in Konolfingen bei Bern geboren. Er studierte Philosophie, Germanistik und Naturwissenschaften in Zürich und Bern (nicht, wie meist angegeben wird, Theologie), arbeitete als Zeichner und Graphiker und schrieb Literatur- bzw. Theaterkritiken für die Züricher Weltwoche. Viele seiner literarischen Motive finden sich auch in seinen zahlreichen Zeichnungen und Bildern aus dieser Zeit wieder.

Anfang der 40er Jahre begann er seine schriftstellerische Arbeit mit kafkaesken Erzählungen, die später in dem Prosaband "Die Stadt" gesammelt wurden. Darüber hinaus entstanden erste Texte fürs Kabarett.

Die Mehrzahl der Theaterarbeiten Dürrenmatts ist durch den außerordentlich sicheren und effektvollen szenischen Zugriff des Autors charakterisiert: eine überaus reiche theatralische Phantasie verbindet sich mit geistvollem Sprachwitz. Die zum Teil absurde und makabre, aber stets amüsante Satire lebt von grotesken Verzerrungen. Dürrenmatts Vorbilder sind Aristophanes, Nestroy und Wedekind. Zweifellos gibt es in seinen Werken auch einen Einfluss Bertolt Brechts.

1947 wird sein erstes Stück aufgeführt: "Es steht geschrieben". Mit diesem Stück über die Sekte der Wiedertäufer im Münster des 16. Jahrhunderts, das als Neufassung 1967 unter dem Titel "Die Wiedertäufer" erschien und "Romulus der Große" (1948, Neufassung 1958), über den Untergang Roms, verbindet sich ein Sinn für komische Ironie und das Absurde mit einer szenischen Darstellung des Gewalt.

Die Theaterstücke "Die Ehe des Herrn Mississippi" (1952, Neubearbeitung 1957) und "Ein Engel kommt nach Babylon" (1954, Neubearbeitung 1957) machten ihn als Dramatiker einem breiten Publikum bekannt. Nach dem Erfolg der ersten Theaterstücke ließ sich Dürrenmatt als freier Schriftsteller in Neuchâtel nieder.

Mit "Der Besuch der alten Dame" (1956) und "Die Physiker" (1962, Neufassung 1980) avancierte er zu einem der bedeutendsten Dramatiker der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur.

Neben zahlreichen anderen Auszeichnungen erhielt Dürrenmatt 1983 den Österreichischen Staatspreis für europäische Literatur und 1986 den Georg-Büchner-Preis.

Bekannt wurde er auch als Erzähler ("Der Richter und sein Henker" (1951), "Der Verdacht" (1952), "Die Panne" (1956) und "Das Versprechen" (1958)).

Im Zentrum seiner Arbeit aber steht das Theater; er schrieb nahezu 30 Stücke, von denen er manche mehrfach überarbeitet hat. Im spielerischen, burlesken und komödiantischen Treiben auf der Bühne verbirgt sich Dürrenmatts konsequenter Moralismus. Er benutzt die Komödie als die für ihn einzige noch mögliche dramaturgische Form, um Heuchelei, Falschheit und Absurdität der Welt vorzuführen (Tragikomödie). Sein Hang zur makabren Groteske, der das Absurde der Wirklichkeit zu-gleich verhüllt und entschärft, trägt manchmal dazu bei, dass sein Grundthema (Gerechtigkeit und Gnade) und seine Intentionen (auf die potentielle kriminelle Energie der Macht und die Verführbarkeit des Menschen hinzuweisen) verwischt oder überlagert werden.

Dürrenmatts spätere, vom Autor durchweg als "Komödien" bezeichnete Dramen, fanden geringere Resonanz bei Publikum und Kritik. Hierzu gehören "Der Meteor" (1966), "Porträt eines Planeten" (1971), "Der Mitmacher" (1973) und "Achterloo" (1983).

Seine letzten Romane "Justiz" (1985) und "Durcheinandertal" (1989) lassen nochmals sein Interesse an juristisch-moralischen Fragestellungen und die illusionslose Weltsicht ihres Verfassers erkennen.

Dürrenmatt trat außerdem als Autor von Hörspielen ("Gesammelte Hörspiele" (1961)) und Essays ("Zusammenhänge" (1976), "Albert Einstein", (1979)) hervor. Seine apokalyptisch-visionären Bilder wirken wie Illustrationen des literarischen Werks.

1946 heiratete Dürrenmatt Lotti Geißler, mit der er drei Kinder hatte. Ein Jahr nach dem Tod von Lotti Geissler heiratete er 1984 Charlotte Kerr.

Friedrich Dürrenmatt starb am 14. Dezember 1990 in Neuchâtel an den Folgen eines Herzinfarkts.

Marc Weitkowitz