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Agatha Christie
 

Betitelt als „Herzogin des Todes“, „Meisterin aller Rätsel“, „First Lady des literarischen Mordes“ und von der Queen als „Dame Commander of the British Empire“ in den Adelsstand erhoben: Agatha Christie - als Schöpferin der unsterblichen Miss Jane Marple und des belgischen Detektivs Hercule Poirot machte sie den gepflegten Mord salonfähig und sollte das Krimi-Genre auf sanfte Weise revolutionieren.

Am 15. September 1890 wird die meistgelesene Krimi-Autorin der Welt als Agatha Mary Clarissa Miller in Torquay an der Südküste Englands, in der Grafschaft Devon, geboren. Agatha wächst mit ihren Geschwistern Margaret („Madge“) und Louis Montant („Monty“) als drittes Kind ihrer Eltern Frederick Alvah und Clara Miller in einer viktorianischen Villa auf. Das Elternhaus in Ashfield liebt Agatha Christie über alles und beschreibt ihre Leidenschaft für dieses Haus in drei Romanen; die Farbe der Tapete in ihrem Kinderzimmer - malvenfarbig - bleibt ihr Leben lang ihre Lieblingsfarbe.

Agatha Miller wächst, wie im spät-viktorianischen Zeitalter üblich, distanziert von den Eltern in der Obhut eines Kindermädchens („Nursie“) auf, die ihr das Gefühl der Geborgenheit gibt und ihr als wichtiger Orientierungspunkt in ihrem Leben dient. Als „Nursie“ sich zur Ruhe setzt, ist Agatha fünf Jahre alt und untröstlich; monatelang schreibt sie ihr jeden Tag und gewährt ihrem Portrait in ihrem Haus zu Lebzeiten einen Ehrenplatz.

Agatha erinnert sich an eine glückliche Kindheit, und besonders intensiv erlebte sie die gemeinsamen Stunden mit der geliebten Mutter, die niemals eine Geschichte zweimal erzählte. Der Vater, der als angenehmer und beliebter Mensch beschrieben wird, braucht keiner festen Arbeit nachzugehen; er verfügt über ein ausreichendes Vermögen und gibt als Berufsbezeichnung „Gentleman“ an.

Bedingt durch den Altersunterschied zu ihren älteren Geschwistern, die bereits im Internat leben, wächst die kleine Agatha praktisch allein auf und begegnet diesem Umstand mit ihrer Vorstellungskraft. Sie lässt eine eigene Welt entstehen; ihr Lieblingsspielzeug, ein Reifen, konnte ein Meeresungeheuer oder auch ein Eisenbahnzug sein: „Ich war Einzelkind und erzählte mir selbst Geschichten.“

Nach den Ansichten ihrer Mutter über Erziehung und Bildung soll Agatha zu Hause unterrichtet werden und nicht vor dem achten Lebensjahr lesen lernen, doch der ständige Umgang mit Büchern bewirkt, dass sie sich mit fünf Jahren selbst das Lesen beibringt. Es erschließt sich für sie die ganze Wunderwelt der Bücher. Agatha hat einen natürlichen Sinn für Zahlen und liebt die Rechenstunden nach dem Frühstück, Rechtschreibung hingegen bleibt bei ihr immer eher eine Zufallssache.

Mitte der 90er Jahre des 19. Jahrhunderts stellen sich Fehlinvestitionen der Vermögensverwalter heraus, die der Familie erhebliche finanzielle Verluste bescheren. Sie beschließen Ashfield zu vermieten und, wie in der Oberschicht dieser Tage üblich, während eines Frankreichaufenthaltes Geld zu sparen. Hier schließt Agatha zum ersten Mal Freundschaften mit Gleichaltrigen. Nach ihrer Rückkehr erhält Agatha Klavierunterricht und es erwacht durch regelmäßige Besuche des Stadttheaters ihre Liebe zur Bühne. Sie hegt den Wunsch, Konzertpianistin zu werden, verzichtet aber aus Unfähigkeit sich öffentlich produzieren zu können, auf ihren Wunschberuf.
Als Agatha elf Jahre alt ist, stirbt ihr Vater im Alter von fünfundfünfzig Jahren an einer Lungenentzündung; für Agatha ist der Tod des Vaters  gleichbedeutend mit dem Ende ihrer Kindheit.

Die Mutter drängt ihre 18-jährige Tochter, ihre erste Kurzgeschichte zu schreiben und Agatha reicht die Geschichte „Das Haus der Schönheit“ bei verschiedenen Zeitschriften ein, jedoch ohne Erfolg. 1909 versucht sich Agatha an einem Roman („Snow upon the Desert“) und legt diesen dem Schriftsteller Eden Philpotts mit der Bitte um ein Urteil vor, welcher ihr einen ausführlichen Antwortbrief widmet.
Mit 20 Jahren soll Agatha offiziell in die Gesellschaft eingeführt werden, doch da die finanziellen Mittel fehlen, lässt sich ihre Mutter sonniges Klima verordnen; Ashfield wird vermietet und Mutter und Tochter reisen im Winter 1910 nach Ägypten. Agatha legt viel von ihrer Schüchternheit ab und flirtet gern, interessiert sich aber für keinen der jungen Männer ernsthaft.

An einem Ball-Abend von Lord und Lady Clifford lernt sie am 12. Oktober 1912 Archibald („Archie“) Christie kennen und lieben. Für Agatha ist er der Ritter in glänzender Rüstung; Leutnant Christie ist in Wirklichkeit aber ein nüchterner und vernunftbetonter Mensch. Nach eineinhalbjähriger Verlobungszeit und einer Achterbahnfahrt der Emotionen heiraten die beiden unkonventionell und überstürzt am 24. Dezember 1914.

Nach Ausbruch des ersten Weltkriegs wird Archibald Christie an die französische Front berufen. Während dieser Zeit arbeitet Agatha beim freiwilligen Hilfskomitee in Torquay als Krankenschwester und später als Apothekenhelferin. In der Krankenhausapotheke denkt sie sich Geschichten aus und profitiert von den Regalen von Giften: In 41 ihrer 66 Detektivromane wird Gift als Mord- oder Selbstmordwaffe eingesetzt. Sie schätzt die saubere und gepflegte Mordart, ein Markenzeichen von Agatha Christie.

Nach mehreren Absagen reicht Agatha Christie im Jahre 1917 das Manuskript ihres ersten Detektivromans „The Mysterious Affair at Styles“ beim Verlag The Bodley Head ein. Drei Jahre später, bereits nach der Geburt ihrer einzigen Tochter Rosalind in Ashfield, entschließt sich der Verlag, ihren Roman zu veröffentlichen.

Als ihr geliebtes Elternhaus in Ashfield aus finanziellen Gründen der Verkauf droht, schlägt Archie Agatha vor, noch ein Buch zu schreiben, und so erscheint 1920 der Roman „The Secret Adversary“, den ihr Verleger erst nach längerem Zögern veröffentlicht.

Bald empfindet Agatha Christie ihr Privatleben als ziemlich enttäuschend, Archie hat einen Posten bei einer Firma in der Stadt bekommen und arbeitet hart. Doch 1922 wird den Christies die Chance zu einem Abenteuer geboten, eine einjährige Weltreise der „British Empire Mission“. Sie gehören der Gesandtschaft der in London stattfindenden Empire-Ausstellung (eine Verkaufsmesse für Produkte des britischen Kolonialreichs) an. Agatha kann dem Angebot nicht widerstehen und lässt ihre Tochter in Claras und Madges Obhut.

Nach ihrer Rückkehr ist Archibald gezwungen, eine unbefriedigende Stellung anzunehmen, er ist gereizt oder verfällt in melancholisches Schweigen. In diesen schwierigen Jahren von 1923 - 1925 organisiert Agatha den Haushalt, schreibt zwei Bücher und unterzeichnet einen Vertrag bei ihrem neuen Verleger William Collins.

In den 20er Jahren hatten Kriminalromane und -geschichten gewissen Konventionen, so z. B. dem von Ronald A. Knox zusammengestellten „Dekalog der Detektivgeschichte“ zu entsprechen; so durfte u. a. kein geheimnisvoller „Chinamann“ oder nicht mehr als ein Geheimgang vorkommen. Dieser Dekalog wird in die Statuten „Detection Club“ aufgenommen, dem Agatha Christie seit den 20er Jahren als Mitglied angehörte. Doch in „The Murder of Roger Ackroyd“ hat Agatha Christie gleich gegen mehrere dieser Konventionen verstoßen, Leser wie Kritiker sind gespalten, doch der Urteilsspruch lautet: „Fair. Sie hat uns lediglich alle hereingelegt.“ Der 1926 erschienene Roman machte Agatha Christie über Nacht berühmt; seit 1958 bis zu ihrem Tode war Agatha Christie Präsidentin des heute noch bestehenden „Detection Club“.

Im Frühjahr des Jahres 1926 stirbt ihre Mutter und Agatha erbt ihr Elternhaus in Ashfield. Im selben Jahr zerbricht die Ehe von Agatha und Archibald Christie. Der Trennung ist eine Zeit der Entfremdung vorausgegangen, und mit der Nachricht, dass sich Archibald in eine Frau Namens Nancy Neele verliebt habe, wünscht er die Scheidung. Das Bewusstsein, dass ihre Ehe endgültig gescheitert ist, stürzt Agatha in tiefe Verzweiflung und mündet in Agathas Verschwinden, dessen Hintergründe nie vollständig geklärt werden. Agatha Christie wird 10 Tage später völlig verstört in einem Hotel in einem Kurort in Yorkshire als die verschollene Autorin erkannt.

Agatha muss sich und ihre Finanzen ordnen und schreibt eine Anzahl an Kurzgeschichten, um fällige Rechnungen zu bezahlen und veröffentlicht ihren ersten Roman unter dem Pseudonym Mary Westmacott.

Im Herbst 1928 entscheidet sich Agatha, eine Reise in die Karibik zu unternehmen, doch zwei Tage vor ihrer Abreise lässt sie diese stornieren und tritt, aufgrund enthusiastischer Berichte auf einer Dinnerparty, eine Orientreise an. Im archäologischen Camp von Ur lernt sie den britischen Archäologen Leonard Woolley kennen, entdeckt ihr Interesse für Archäologie und bleibt bis zum Beginn der Regenzeit.
Im Jahre 1930 bricht Agatha zu ihrer zweiten Orientreise auf und lernt im archäologischen Camp von Ur Leonard Woolleys Assistenten Max Mallowan kennen; seine Leidenschaft gilt der Archäologie, noch. Am 11. September des Jahres 1930 heiraten Max und Agatha trotz seines Katholizismus und ihres beträchtlichen Altersunterschieds; sie mogeln ein wenig, Agatha gibt 37 statt 40 Jahre und Max 31 Jahre statt 26 an.

1933 gelingt es Max Mallowan mit Hilfe des britischen Museums im Irak, eine eigene Expedition zusammenzustellen. Max zuliebe nimmt Agatha Unterricht in Geometrie, um ihn auf seiner Reise als vollwertiges Expeditionsmitglied unterstützen zu können; 1935 folgt eine Grabung in Syrien. Die 30er Jahre waren schriftstellerisch für Agatha sehr produktiv und sie schreibt in der Abgelegenheit der Wüste in den jeweiligen Camps einige ihrer bekanntesten Bücher („Murder on the Orient-Express“, „Death on the Nile“). Zu ihrer besten Zeit bringt es Agatha auf drei Bücher pro Jahr. Nach 15 Jahren und 23 Büchern hat sich Agatha Christie als Bestseller-Autorin einen Namen gemacht.

Im Frühjahr 1941 wird Max als Nahost-Experte nach Kairo geschickt; Agatha bleibt in London. Sie arbeitet bis 1944 in der Krankenhausapotheke des University College Hospital und verbringt die übrige Zeit mit Schreiben. Um einer Blockade vorzubeugen, schreibt sie alternativ an zwei Projekten.

Agatha wendet sich nun mehr der Theaterarbeit zu, Zeitzeugen berichten, dass die schüchterne und verlegene Agatha Christie während der Theaterproben zu einer anderen Persönlichkeit wurde. Auf die Frage, ob es ihr etwas ausmache, eine Zeile des schwer zu sprechenden Textes zu verändern, antwortete die Autorin mit fester Stimme: „Ja und ob!“

Auch wenn ihre bekanntesten Werke Kriminalgeschichten sind, war sie eine viel abwechslungsreichere Schriftstellerin als bisweilen angenommen wird. Sie verfasste ‚unzählige' Kurzgeschichten, Theaterstücke, Gedichte und unter dem Pseudonym Mary Westmacott Liebesromane.

Im Jahre 1952 feiert „The Mousetrap“ (Die Mausfalle) Premiere; die Kritiken sind positiv, doch niemand ahnt, dass das Stück seit 1952 bis heute täglich auf dem Spielplan stehen wird. Ursprünglich als Hörspiel konzipiert, ist „Die Mausefalle“ das am längsten ununterbrochen aufgeführte Theaterstück der Welt.

Im Jahre 1971 wurde Agatha Christie von Königin Elizabeth II. als „Dame Commander of the British Empire“ als Ritter in den Adelsstand erhoben und durfte das Adelsprädikat „Dame“ - gleich einem „Sir“ - als Bürgerin des Vereinigten Königreiches vor dem Vornamen führen.
Mit gewöhnlichen Maßstäben ist der Erfolg von Agatha Christie nicht zu messen. In mehr als sechs Jahrzehnten ihres schriftstellerischen Schaffens hat sie allein 66 Kriminalromane verfasst und mehr als 7.000 Akteure erfunden, wobei sie großen Wert darauf legte, einen Namen selten mehr als einmal zu verwenden. Ihre Bücher wurden in 109 Sprachen übersetzt und erreichen eine Zwei-Milliarden-Auflage. Damit steht sie nach einer Erhebung der UNESCO über die meistgelesenen Bücher der Welt - hinter der Bibel und Shakespeare - an dritter Stelle. Trotz vieler zum Teil unbarmherziger Kritiken und Vorwürfe wie „stereotyp“, „unwahrscheinliche Konstruktionen“, „immer dasselbe“ oder „unlesbar“, sind ihr Name sowie die ihrer Hauptfiguren Miss Marple und Poirot zu unsterblichen Begriffen geworden. Paradoxerweise sind es gerade ihre oft angekreideten Schwächen, wie ihre einfache Sprache („Schulmädchen-Englisch“), die sparsamen Charakterisierungen und Beschreibungen, die ihr eine Lese- und Fangemeinde über alle sozialen und geographischen Grenzen hinweg beschert haben.

Am frühen Nachmittag des 12. Januar 1976 stirbt Agatha Christie in Wallingford, in der Grafschaft Oxfordshire. Auf ihrem Grabstein steht: „Agatha Christie, Schriftstellerin“
   
Marc Weitkowitz