Johann Wolfgang von Goethe

Der aus einem wohlhabenden Bürgerhause stammende Goethe wurde am 28. August 1749 in Frankfurt am Main geboren. Er genoss eine sorgfältige und vielseitige Privaterziehung. "Sehr starken Eindruck" machte dem Knaben das Puppentheater, wo er auch erstmals mit dem Faust-Stoff in Berührung kam. 1765 ging Goethe zum Jurastudium nach Leipzig, damals das geistige Zentrum der Aufklärung und des Rokoko in Deutschland. Seine ersten literarischen Werke (anakreontische Gedichte und Lieder; Schäferspiel "Die Laune des Verliebten", 1767/68; Komödie "Die Mitschuldigen", 1768/69) zeigen Goethe noch weitgehend als modischen Rokokodichter. 1768 kehrte er ins Elternhaus zurück und widmete sich vor allem dem Studium religiöser und mystischer Schriften. 1770/71 vollendete Goethe seine juristischen Studien in Straßburg, wo er sich allmählich von traditionellen Kunst- und Lebensanschauungen lossagte und zu einem neuen lyrischen Ton fand. Goethes Straßburger Kreis bildete die Keimzelle der neuen Geniebewegung des "Sturm und Drang", die sich in gewissem Gegensatz zum aufgeklärten Rationalismus zu schwärmerischer Naturverehrung, uneingeschränkter Subjektivität und moralisch empörter Gesellschafts- und Adelskritik bekannte und einen enthusiastischen Freundschaftskult pflegte. Von 1771 bis 1775 lebte der junge Anwalt meist als "Wanderer" im Hessischen.

Weithin bekannt wurde der junge Lyriker und Dramatiker vor allem mit seinem unorthodoxen Schauspiel "Götz von Berlichingen" (1771 - 73), das durch nationalen Stoff, freie Form und geschichtsbewusst-lebensvolles Ethos den Beginn eines neuen Abschnitts deutschen Bühnenschaffens markierte. Über die Grenzen des deutschsprachigen Raums hinaus bekannt wurde auch der Briefroman "Die Leiden des jungen Werthers" (1774), der die im Selbstmord des Helden kulminierende innere Emanzipation des Individuums von gesellschaftlichen und religiösen Bindungen propagiert. Das Buch wurde zu einem europäischen "Bestseller"; das tragische Schicksal Werthers löste sogar eine Welle von Selbsttötungen aus.

1775 folgte das junge Dichtergenie einer Einladung des Herzogs Carl August nach Weimar, wo Goethe in den nächsten Jahren einige Hofämter übernahm und in einem Prozess schmerzhafter Selbsterziehung und disziplinierter geistig-seelischer Klärung zum repräsentativen Künstler seiner Zeit reifte. Goethes Weimarer Gedichte und seine in mehreren Stufen entstandenen Dramen gehören bis heute zum klassischen Kanon deutscher Literatur. 1786 brach Goethe ohne Vorankündigung nach Italien auf, wo er sich in produktiver Aneignung der antiken Kunst endgültig zum klassisch-humanistischen Menschen und Dichter wandelte ("Römische Elegien", 1788 - 90; Umwandlung der "Iphigenie" und des "Tasso" zu Versdramen; neue Hinwendung zum "Faust"-Stoff). Von 1788 an lebte Goethe mit seiner jungen Frau Christiane Vulpius wieder in Weimar, wo er bald Leiter des Hoftheaters wurde (1791 - 1817).

Seit 1794 war Goethe eng mit Friedrich Schiller befreundet, der wie er nach "klassischer" Dichtung und Ästhetik strebt und durch den Goethe seine dichterische Sendung als eine ihm auferlegte überindividuelle Pflicht bewusst wird. Neben Gedichten und Balladen, Novellen, Dramen und naturwissenschaftlichen Schriften entstehen in den Jahren bis zu Schillers Tod (1805) der bürgerliche Bildungs- und Erziehungsroman "Wilhelm Meisters Lehrjahre" (1794 - 96) sowie das Versepos "Hermann und Dorothea" (1796/97) und der erste Teil des "Faust" (1790 - 1808). Nach Schillers Tod lebte Goethe zurückgezogen im Kreise seiner Familie und einiger weniger Freunde. Figuren, Handlung und Sprache seiner Werke tendieren nun zum Bedeutenden und Symbolhaften ("Altersstil"). Sich selbst historisch sehend, schreibt Goethe die Autobiographie "Dichtung und Wahrheit" (1808 - 13; 1831), arbeitet an einer "Farbenlehre" (1810) und am Roman "Die Wahlverwandtschaften" (1807 - 09), dessen innere Struktur und Aussage sich mit der romantischen Naturphilosophie F. W. Schellings berühren. Trotz romantischer Züge im eigenen Spätwerk ist Goethes Verhältnis zu den jungen Romantikern nicht frei von Kritik und Distanzierung.

Sein starkes Interesse an orientalischer Kultur und die Begegnung mit seiner "Suleika" Marianne von Willemer führen zur Gedichtsammlung "Westöstlicher Divan" (1814 - 19). Aus dem literarischen Schaffen des hochangesehenen alten Goethe seien nur der Roman "Wilhelm Meisters Wanderjahre" (1807 - 21; 1829), die "Marienbader Elegie" (1823) und der zweite Teil seines "Faust" (vollendet 1825 - 31) genannt. Goethe verstarb am 22. März 1832 in Weimar.