Agatha Christie

Am 15. September 1890 wird die meistgelesene Krimi-Autorin der Welt als Agatha Mary Clarissa Miller in Torquay an der Südküste Englands, in der Grafschaft Devon, geboren. Agatha wächst, bedingt durch den Altersunterschied zu ihren älteren Geschwistern Margaret („Madge“) und Louis Montant („Monty“), die bereits im Internat leben, als drittes Kind ihrer Eltern Frederick Alvah und Clara Miller in einer viktorianischen Villa praktisch allein auf. Diesem Umstand begegnet mit ihrer Vorstellungskraft. Nach den Ansichten ihrer Mutter über Erziehung und Bildung soll Agatha zu Hause unterrichtet werden und nicht vor dem achten Lebensjahr lesen lernen, doch der ständige Umgang mit Büchern bewirkt, dass sie sich mit fünf Jahren selbst das Lesen beibringt.

Als Agatha elf Jahre alt ist, stirbt ihr Vater im Alter von fünfundfünfzig Jahren an einer Lungenentzündung; für Agatha war dies gleichbedeutend mit dem Ende ihrer Kindheit.

Jahre später drängt die Mutter ihre 18-jährige Tochter, ihre erste Kurzgeschichte zu schreiben und Agatha reicht die Geschichte „Das Haus der Schönheit“ bei verschiedenen Zeitschriften ein, jedoch ohne Erfolg. 1909 versucht sich Agatha an einem Roman („Snow upon the Desert“) und legt diesen dem Schriftsteller Eden Philpotts mit der Bitte um ein Urteil vor, welcher ihr einen ausführlichen Antwortbrief widmet.

An einem Ball-Abend von Lord und Lady Clifford lernt sie am 12. Oktober 1912 Archibald („Archie“) Christie kennen und lieben. Für Agatha ist er der Ritter in glänzender Rüstung; Leutnant Christie ist in Wirklichkeit aber ein nüchterner und vernunftbetonter Mensch. Nach eineinhalbjähriger Verlobungszeit und einer Achterbahnfahrt der Emotionen hei-raten die beiden unkonventionell und überstürzt am Heiligen Abend – dem 24. Dezember 1914.

Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs wird Archibald Christie an die französische Front berufen. Während dieser Zeit arbeitet Agatha beim freiwilligen Hilfskomitee in Torquay als Krankenschwester und später als Apothekenhelferin. In der Krankenhausapotheke denkt sie sich Geschichten aus und profitiert von den Regalen von Giften: In 41 ihrer 66 Detektivromane wird Gift als Mord- oder Selbstmordwaffe eingesetzt. Sie schätzt die saubere und gepflegte Mordart, ihr Leben lang ein Markenzeichen von Agatha Christies Werken.

Nach mehreren Absagen reicht Agatha Christie im Jahre 1917 das Manuskript ihres ersten Detektivromans „The Mysterious Affair at Styles“ beim Verlag The Bodley Head ein. Drei Jahre später, bereits nach der Geburt ihrer einzigen Tochter Rosalind in Ashfield, entschließt sich der Verlag, ihren Roman zu veröffentlichen.

Als ihrem geliebtem Elternhaus in Ashfield aus finanziellen Gründen der Verkauf droht, schlägt Archie Agatha vor, noch ein Buch zu schreiben, und so erscheint 1920 der Roman „The Secret Adversary“, den ihr Verleger erst nach längerem Zögern veröffentlicht.

Bald empfindet Agatha Christie ihr Privatleben als ziemlich enttäuschend, Archie hat einen Posten bei einer Firma in der Stadt bekommen und arbeitet hart. Doch 1922 wird den Christies die Chance zu einem Abenteuer geboten, eine einjährige Weltreise der „British Empire Mission“. Agatha kann dem Angebot nicht widerstehen und lässt ihre Tochter in Claras und Madges Obhut.

Nach ihrer Rückkehr ist Archibald gezwungen, eine unbefriedigende Stellung anzunehmen, er ist gereizt oder verfällt in melancholisches Schweigen. In diesen schwierigen Jahren von 1923 - 1925 organisiert Agatha den Haushalt, schreibt zwei Bücher und unterzeichnet einen Vertrag bei ihrem neuen Verleger William Collins.

In den 20er Jahren hatten Kriminalromane und -geschichten gewissen Konventionen, so z. B. dem von Ronald A. Knox zusammengestellten „Dekalog der Detektivgeschichte“ zu entsprechen; so durfte u. a. kein geheimnisvoller „Chinamann“ oder nicht mehr als ein Geheimgang vor-kommen. Dieser Dekalog wird in die Statuten „Detection Club“ aufgenommen, dem Agatha Christie seit den 20er Jahren als Mitglied angehörte. Doch in „The Murder of Roger Ackroyd“ hat Agatha Christie gleich gegen mehrere dieser Konventionen verstoßen, Leser wie Kritiker sind gespalten, doch der Urteilsspruch lautet: „Fair. Sie hat uns lediglich alle hereingelegt.“ Der 1926 erschienene Roman machte Agatha Christie über Nacht berühmt; seit 1958 bis zu ihrem Tode war Agatha Christie Präsidentin des heute noch bestehenden „Detection Club“.

Im Frühjahr des Jahres 1926 stirbt ihre Mutter und Agatha erbt ihr Elternhaus in Ashfield. Im selben Jahr zerbricht die Ehe von Agatha und Archibald Christie. Agatha muss sich und ihre Finanzen ordnen und schreibt eine Anzahl an Kurzgeschichten, um fällige Rechnungen zu bezahlen und veröffentlicht ihren ersten Roman unter dem Pseudonym Mary Westmacott.

Im Herbst 1928 entscheidet sich Agatha, eine Reise in die Karibik zu unternehmen, doch zwei Tage vor ihrer Abreise lässt sie diese stornieren und tritt, aufgrund enthusiastischer Berichte auf einer Dinnerparty, eine Orientreise an. Im archäologischen Camp von Ur lernt sie den britischen Archäologen Leonard Woolley kennen, entdeckt ihr Interesse für Archäologie und bleibt bis zum Beginn der Regenzeit.

Im Jahre 1930 bricht Agatha zu ihrer zweiten Orientreise auf und lernt dort Leonard Woolleys Assistenten Max Mallowan kennen; seine Leidenschaft gilt der Archäologie, noch. Am 11. September des Jahres 1930 hei-raten Max und Agatha trotz seines Katholizismus und ihres beträchtlichen Altersunterschieds; sie mogeln ein wenig, Agatha gibt 37 statt 40 Jahre und Max 31 Jahre statt 26 an.

1933 gelingt es Max Mallowan mit Hilfe des britischen Museums im Irak, eine eigene Expedition zusammenzustellen. Max zuliebe nimmt Agatha Unterricht in Geometrie, um ihn auf seiner Reise als vollwertiges Expeditionsmitglied unterstützen zu können; 1935 folgt eine Grabung in Syrien. Die 30er Jahre waren schriftstellerisch für Agatha sehr produktiv und sie schreibt in der Abgelegenheit der Wüste in den jeweiligen Camps einige ihrer bekanntesten Bücher („Murder on the Orient-Express“, „Death on the Nile“). Zu ihrer besten Zeit bringt es Agatha auf drei Bücher pro Jahr. Nach 15 Jahren und 23 Büchern hat sich Agatha Christie als Bestseller-Autorin einen Namen gemacht.

Im Frühjahr 1941 wird Max als Nahost-Experte nach Kairo geschickt; Agatha bleibt in London. Sie arbeitet bis 1944 in der Krankenhausapotheke des University College Hospital und verbringt die übrige Zeit mit Schreiben. Um einer Blockade vorzubeugen, schreibt sie alternativ an zwei Projekten.

Auch wenn ihre bekanntesten Werke Kriminalgeschichten sind, war sie eine viel abwechslungsreichere Schriftstellerin, als bisweilen angenommen wird. Sie verfasste ‚unzählige’ Kurzgeschichten, Theaterstücke, Gedichte und unter dem Pseudonym Mary Westmacott Liebesromane.

Im Jahre 1952 feiert „The Mousetrap“ (Die Mausfalle) Premiere; die Kritiken sind positiv, doch niemand ahnt, dass das Stück seit 1952 bis heute täglich auf dem Spielplan stehen wird. Ursprünglich als Hörspiel konzipiert, ist „Die Mausefalle“ das am längsten ununterbrochen aufgeführte Theaterstück der Welt.

Im Jahre 1971 wurde Agatha Christie von Königin Elizabeth II. als „Dame Commander of the British Empire“ als Ritter in den Adelsstand erhoben und durfte das Adelsprädikat „Dame“ – gleich einem „Sir“ – als Bürgerin des Vereinigten Königreiches vor dem Vornamen führen. Ihre Bücher wurden in 109 Sprachen übersetzt und erreichen eine Zwei-Milliarden-Auflage.

Am frühen Nachmittag des 12. Januar 1976 stirbt Agatha Christie in Wallingford, in der Grafschaft Oxfordshire.

Thomas Krieger, Marc Weitkowitz