Der Komponist und der Autor

Stephen Sondheim

Stephen Sondheim wurde am 22. März 1920 als Sohn eines wohlhabenden New Yorker Kleiderherstellers geboren. Als sich seine Eltern scheiden ließen, zog er mit seiner Mutter nach Bucks County in Pennsylvania. Der junge Stephen fand sich dort zur richtigen Zeit am richtigen Ort wieder. Ein Nachbar, Oscar Hammerstein II, arbeitete nämlich an einem Musical namens "Oklahoma!" und es dauerte nicht lange, bis der jugendliche Stephen feststellte, dass er selbst auch vom Musiktheater fasziniert war. Obwohl er später Komposition mit Milton Babbitt studierte, wechselte er, um das anzuwenden, was er gelernt hat, an das höchst kommerzielle New Yorker Broadway. Wie Hammerstein, hat auch Sondheim gelegentlich Pop-Songs (mit Jule Styne für Tony Bennett) geschrieben und sich oberflächlich mit Filmmusik beschäftigt (Stavisky, Reds, Dick Tracy), aber er kehrte immer wieder zum Theater zurück.

Seinen ersten Erfolg hatte er etwas widerwillig als Textschreiber der Songs in Leonard Bernsteins "West Side Story" (1957) und Jule Stynes "Gypsy" (1959). Sondheims Philosophie drückte sich aber in einem seiner Songtitel aus: "I Never Do Anything Twice". Sein erstes Stück als Komponist und Songtexter war "A Funny Thing Happened On The Way To The Forum" (1962) - ein Stück, bei dem einige Leute erklärten, wie experimentell es war; in Wirklichkeit ist es noch immer die einzige erfolgreiche Musical-Farce. In den folgenden drei Jahrzehnten fanden Kritiker einen Sondheim-Stil heraus: eine Vorliebe für die harmonische Sprache, eine Abhängigkeit der Persönlichkeiten und Stimmungen in Harmonien, eine Destabilisation der Melodien; alles in allem eine Tendenz der Musik zu dichter Textnähe. All dies sagt vor allem aus, dass seine Arbeit sehr vielseitig ist, was noch immer sehr beeindruckt: So kann man keinen Song aus dem überschwänglichen Musical "Anyone Can Whistle" (1964) gegen eine aus dem orientalisch beeinflussten Stück "Pacific Overtures" (1976) austauschen; ebenso kann man die neurotischen Pop-Melodien von "Company" (1970) nie mit den eleganten Walzer-Melodien aus "A Little Night Music" (1973) verwechseln.

Sondheim ging mit großen Schritten den Siebzigern entgegen und formte eine einzigartige Partnerschaft mit Hal Prince: Ein Komponist und Song-Texter und ein Produzent und Regisseur arbeiteten zusammen, um das Musical neu zu beleben. Einige waren melodienarm (Company), andere charakterarm (Pacific Overtures), eines wurde zurückgestellt (Merrily We Roll Along). Doch Sondheim kannte das kulturelle Erbe Amerikas besser als irgendjemand. "Follies" (1971) ist eine liebevolle und präzise Adaption von Berlin, Kern, Gershwin, Dorothy Fields, Yip Harburg... Selbst wenn es scheint, als würde er zu einer großen Tradition zurückkehren, war er ebenso eine glorreiche Summe all dieser.

Mit "Sweeney Todd" (1979) erreichte die Zusammenarbeit Prince/ Sondheim ihren Höhepunkt, was Verschmelzung von Songtexten und Dialog, Songs und Melodien anging. Das ganze kombiniert mit einer komplexen Story und vielen Emotionen, und man hatte einen einzigartigen Musical-Thriller erschaffen. Aber ihr nächstes Werk, "Merrily We Roll Along" (1981), war ein Flop, und beide Männer gingen getrennte Wege. Sondheim ging zum Autor und Regisseur James Lapine, um "Sunday In The Park With George" (1984) zu schreiben, eine Arbeit, die, wie es schien, eine autobiographische Reflektion über die Probleme war, Kunst in einer kommerziellen Umgebung zu machen. Die meisten seiner neueren Stücke zeigen eine seiner größten Stärken: seine Fähigkeit, gegen die Themen-Erwartungen des Publikums zu schreiben. Für "Into The Woods" (1987) gab er solch bekannten Märchenfiguren wie Aschenputtel und Rotkäppchen komplex-ausgebaute Musiknummern; für die Antihelden in "Assassins" (1990) schrieb er einige seiner rührendsten, aufrichtigsten Musiknummern, die zurück gingen auf Werke von Berlin und Stephen Foster. Nicht jeder fühlte sich beim Zuhören von Lee Harvey Oswalds Gesang mit John Wilkes Booth behaglich, aber Sondheim versuchte die Möglichkeiten und Grenzen des Musicals zu testen.

James Lapine

James Lapine wurde am 10. Januar 1949 in Mansfield, Ohio, geboren. Er trat erstmals mit dem Theater Mitte der Siebziger in Kontakt, als er als Graphik-Designer an der "Yale School of Drama" arbeitete, wo er seine Interpretation von Gertrude Steins "Photograph" inszenierte. Bei einer Wiederaufnahme als Off-Broadway-Produktion im Jahre 1977 erhielt Lapine seinen ersten OBIE-Award. 1981 schrieb und inszenierte er "Twelve Dreams" auf "The Public", welches 1995 wiederaufgenommen im Lincoln-Center wurde. Außerdem führte er Regie bei "A Midsummer Night's Dream" (1982) und "The Winter's Tale" (1988). Er war der Regisseur von William Finns Musical "March of the Falsettos" (1981) und Co-Autor von William Finn sowie Regisseurs von dessen Fortsetzung "Falsettoland" (1990), und gewann den Tony Award für das Beste Buch für ein Musical für die darauffolgende Broadway-Produktion "Falsetto" (1992).

Als Regisseur und Buchschreiber hat James Lapine dreimal mit Stephen Sondheim zusammengearbeitet: 1984 in "Sunday in the Park with George", 1987 bei "Into the Woods" und 1994 bei "Passion". Zu den letzteren beiden führte er auch Regie bei den Fernsehproduktionen sowie bei einer neuen Produktion des Stephen Sondheim/George Furth-Musicals "Merrily We Roll Along" (1985).

Weitere Theaterarbeiten umfassten das Schreiben und Inszenierungen einer Adaption von Nathanael Wests "A Cool Million", benannt "Luck, Pluck & Virtue" (1993) und das Verfassen von "The Moment When" (2000).

Sein Film-Regie-Debüt feierte er mit "Impromptu" (1991), einer Komödie über die Leben von Fredric Chopin, George Sand und Franz Liszt, in welcher Judy Davis, Hugh Grant und Julian Sands und erstmals in Hauptrollen Bernadette Peters, Mandy Patinkin und Emma Thompson mitwirkten. Es folgte 1993 "Life with Mikey" mit Michael J. Fox und Nathan Lane.

Seine jüngsten Arbeiten umfassen die Inszenierungen von David Henry Hwangs "Golden Child" (1996) und dem Broadway-Revival von "The Diary of Anne Frank" (1997), er war Co-Autor des Buches für Williams Finns neues Musical "A New Brain" (1998), führte Regie bei der TV-Adaption von Anne Tylers "Earthly Possessions" (1999), inszenierte und schrieb das Buch für die Disney-Produktion "The Hunchback of Notre Dame" (1999) und inszenierte die Broadway-Produktion von Claudia Shears "Dirty Blonde" (2000) und 2002 das Broadway-Revival von "Into the Woods".

James Lapine ist verheiratet mit Film-Regisseurin Sarah Kernochan.

Thomas Krieger