Julius Weismann

200 Lieder, 10 Streichquartette, 4 Klavierkonzerte, 4 Sinfonien, 6 Opern - nur ein Ausschnitt aus dem Lebenswerk des Komponisten Julius Weismann. Zweifelsohne war er eine der bedeutenden musikalischen Persönlichkeiten seiner Zeit. Obwohl er keinen neuen Musikstil schuf, in der Kunst gar "Fortschritt" für unmöglich hielt, prägte er das musikalische Geschehen des anbrechenden 20. Jahrhunderts.

Julius Weismann wurde am 26. Dezember 1879 als Sohn des berühmten Zoologen und Erbforschers August Weismann und dessen Frau Mary in Freiburg geboren. Als jüngstes von fünf Kindern galt Julius zunächst als unmusikalisch. In ihrem Tagebuch vermerkte seine Mutter am 21. März 1882: "Seine musikalischen Anlagen zeigen sich noch nicht in hervorragender Weise, wie dies bei Hedwig und Therese in dem Alter war. Er singt nur ,Kommt eine Vogel geflogen' und dies ziemlich falsch." Als jedoch der Vater 1895 einen Musiksaal an sein Haus anbauen ließ´, erwachte in Julius das Interesse für Musik. Gerne saß er dort und lauschte seinen Eltern beim gemeinsamen Klavierspiel.

Diese Familienidylle wurde jedoch jäh unterbrochen, als im darauffolgenden Jahr - der kleine Julius war gerade 6 Jahre alt - Mary Weismann starb. Als Folge dieses schmerzhaften Verlustes wurde die Beziehung zwischen Vater und Sohn umso stärker, August Weismann wurde in den folgenden 28 Jahren bis zu seinem Tod zum besten Kameraden des jungen Knaben.

Julius Weismanns Kindheit wurde überzeichnet von einem schweren Leiden, das er sich durch einen Sonnenstich zugezogen hatte. Dieser verhinderte jegliche längere Konzentration durch unerträgliche Kopfschmerzen, so dass ein längerer Schulbesuch nicht möglich war. Julius erhielt von seinem Vater einen Privatlehrer im Rahmen des möglichen Unterrichts. Über diese Zeit vermerkte der Komponist später in seiner (unvollendeten) Autobiographie: "Die Schule war mir verloren und ich ihr, Gottlob, auch. (...) So bin ich, durch die Verhältnisse gezwungen, zu einem Menschen geworden, der niemals - man schaudere - ein Examen abgelegt hat!" Der "dumme Kopf" verhinderte auch längeres Klavierspiel nach Noten, so dass Julius gezwungen war zu improvisieren, was seine Musikalität in immenser Weise förderte, so dass er trotz wenig Klavierunterricht mit zehn Jahren ein guter Klavierspieler war. Sein Vater schickte ihn daher an die Münchener Musikhochschule, wo er unter Rheinberger und Bußmeier geschult wurde.

1893 zogen die Weismanns jedoch nach Sils-Maria im Engadin, wo die Ruhe und Stille der Berge den Genesungsprozess Julius' fördern sollte. In den Bergen machte er eine wichtige Erfahrung für sein weiteres Leben. Julius war schon bald von der Bergwelt fasziniert und entwickelte von diesem Punkt an eine tiefe Liebe zur Natur: Bergsteigen wurde zu einer großen Leidenschaft des Musikers. Er selbst bezeichnete sich später als "halb Felsgestein, halb Musik". Des weiteren lieferte ihm jedoch die Natur auch häufig die Inspiration für seine musikalischen Werke. Im Gegensatz zu vielen Komponisten schuf Weismann seine späteren Werke selten am Instrument, sondern in der freien Natur. Er war gegen jede Form erarbeiteter Musik, für ihn zählte der "musikalische Einfall".

1895 konnte der mittlerweile 15-jährige Julius wieder Klavierunterricht nehmen; sein Lehrer war der Liszt-Schüler Hermann Dimmler. 1896 schloss sich ein zweijährigen Sprachstudium in Lausanne an, bevor Julias Weismann nach Berlin zog, um dort sein musikalisches Wissen zu erweitern. Die "akademisch überhebliche, musikalisch verbrämte - und verbrahmste - Atmosphäre" bei Prof. Stumpf ließen ihn jedoch diesen Entschluss bald bereuen, so dass er nach München zurückkehrte , wo er sich der Gruppe um Ludwig Thuille anschloss. Obwohl es auch hier gewisse musikalische Differenzen gab, nahm er aus dieser Zeit viel für sein weiteres musikalisches Leben mit.

Während dieser Jahre lernte Weismann auch die Konzertsängerin Anna Hecker kennen, mit der er viel musizierte. 1902 wurde sie seine Frau, 1904 der Sohn Carl August geboren, ihm folgte bald die Tochter Ursel. Im Jahre 1906 kehrte Julius Weismann in seine Geburtsstadt Freiburg zurück, wo er neben seiner komponierenden Tätigkeit als Pianist und Dirigent arbeitete.

Den Zenith seines Werkes erreichte Weismann zweifelsohne in den 20-er Jahren. Hier entstanden fünf seiner sechs Opern, die alle zu großen Erfolgen wurden. Der Name Julius Weismann wurde immer mehr zu einem festen Begriff in der Musikwelt. Seine Bekanntheit wuchs, seine Werke füllten die Konzert- und Opernsäle. Ehrungen blieben daher nicht lange aus. 1929 wurde er von der preußischen Akademie der Künste in ihren Kreis aufgenommen, ein Jahr später verlieh sie ihm den Beethoven-Preis. In Freiburg gründete Weismann zur selben Zeit das Freiburger Musikseminar (die spätere Freiburger Musikhochschule), wo er selbst die Meisterklasse unterrichtete. Nach sechs Jahren wurde ihm der Titel Professor verliehen.

1938 konnte Weismann nach mehreren Jahren endlich ein lang gehegtes Vorhaben in die Tat umsetzen. Er vertonte die alte Komödie "Viel Geschrei um wenig Wolle" des skandinavischen Dichters Ludwig Holberg und schuf damit eines seiner erfolgreichsten Werke: "Die Pfiffige Magd", die 1939 in Leipzig uraufgeführt wurde und durchwegs gute Kritiken erhielt. Sie gehörte in den Folgejahren zu den Spielplänen vieler Opernbühnen in ganz Deutschland. Im darauffolgenden verlieh im die Premierenstadt Leipzig den Bachpreis. In Freiburg wurde Julius Weismann zum Ehrenbürger ernannt.

Ausgerechnet auf dieser Welle des Erfolges zog sich der an sich ruhige und zurückhaltende Julius Weismann aus dem öffentlichen Leben zurück. Nie ein "Stadtmensch" gewesen, zog er die Berglandschaft in Nußdorf am Bodensee dem Freiburger Großstadtleben vor. In dem Wagner-Enkel Wieland Wagner fand Weismann zudem in Nußdorf einen Weggefährten und guten Freund, der sich insbesondere in den Jahren nach 1941, wo sich bei Julius Weismann bereits erste Krankheitszeichen bemerkbar machten, in rührender Weise um den Komponisten kümmerte.

Trotz allem verlor Weismann nie die Liebe zur Musik. Zwar hatte sich der Musikgeschmack von den klassizistischen Kompositionen eines Julius Weismann zur Avantgarde hingewandt, doch dies störte Weismann nicht. Er komponierte weiterhin eifrig, und obwohl er mehr und mehr von den großen Bühnen verschwand, so fand man ihn häufig bei Hauskonzerten im engen Freundeskreis. Am 22. Dezember 1950 - vier Tage vor seinem 71. Geburtstag - starb Julius Weismann in Singen am Hohentwiel. Er war stets ein zurückhaltender Mensch, jedoch nie ein Menschenfeind. Er war Einzelgänger, aber nie intolerant.

Julius Weismann war ein Mensch, der beständig an seinem Weg festhielt. Ein zeitgenössischer Kritiker beschrieb ihn als einen "Schaffenden, der aus einer Zeit der Geborgenheit in die Umwertung aller Werte hinüberlebend, unbeirrt und unbeirrbar den Weg ging, den ihn sein Genius wies."

Diese Konsequenz entgegen aller Trendentwicklung zeigt den großen Künstler Julius Weismann.

Dirk Hofäcker