Oscar Wilde

Oscar Wilde wurde am 16.10.1854 in Dublin in eine angesehene protestantische Familie hineingeboren.

Am Trinity College in seinem Geburtsort begann er ein Studium der klassischen Sprachen, das er schließlich in Oxford fortsetzte und mit Auszeichnung abschloss.

Die Folgezeit seines Lebens verbrachte er zunächst in London, wo er in der literarischen Gesellschaft durch sein extravagantes Auftreten auffiel und sein Leben als englischer Dandy genoss.

Nach einer Vortragsreise durch die USA 1882 heiratete er am 29. Mai 1884 Constance Lloyd, die mit seiner Hilfe zwei Kinder in die Welt setzte. Sein Lebensmotto war das Posieren. Er betrachtete es als erste Pflicht im Leben, eine Pose zu ergreifen; dabei stellte er die Moral des viktorianischen Englands seiner Zeit in den Hintergrund. Das mutete in der Gesellschaft zwar eher seltsam an, wurde aber ob Wildes amüsanter und ungewöhnlich gut gestalteter Theaterstücke großzügig übersehen. Zwar waren die Inhalte seiner Stücke auch häufig von Unmoralität geprägt, doch behielten sie insgesamt einen für die Gesellschaft akzeptablen moralischen Rahmen bei.

Sein vielleicht großartigstes Stück, "The Importance of Being Earnest" oder "Bunbury" schrieb Oscar Wilde während eines mehrmonatigen Aufenthaltes mit seiner Familie im Jahre 1894 in einem ruhigen Badeort namens Worthing. Dieser Name sollte schließlich Bestandteil besagter Komödie werden, indem er als Nachname eines der Hauptdarsteller eingesetzt wurde, ohne dabei seinen realen Bezug zu verlieren (Jack: "Der verstorbene Mr. Thomas Cardew, ein älterer Gentleman von sehr barmherzigen und gütigem Wesen, fand mich und gab mir den Namen Worthing, weil er damals zufällig ein Erster-Klasse-Ticket nach Worthing in der Tasche hatte. Worthing ist ein Ort in Sussex. Es ist ein Badeort.").

Der Arbeitstitel von "Bunbury" war "Lady Lancing", ein Name, der zumindest noch in einer von Lady Bracknells zahlreichen Ausführungen über die Werte der Gesellschaft Erwähnung findet (Lady Bracknell: "Ein geschicktes französisches Dienstmädchen vollbringt in kürzester Zeit wahre Wunder. Ich erinnere mich, der jungen Lady Lancing eines empfohlen zu haben, und nach drei Monaten erkannte sie ihr eigener Gatte nicht mehr.").

Neben diesen beiden gibt es noch weitere Übereinstimmungen und Anspielungen, die Teile Oscar Wildes Biographie widerspiegeln. So erhält der Butler Algernon Moncrieffs den Namen Lane, womit sich Wilde an seinem früheren Verleger John Lane rächt. Auch der Name Lady Bracknells erinnert an eine persönliche Beziehung Oscar Wildes. Bracknell ist ein in Berkshire gelegener Landsitz der Mutter von Lord Alfred Douglas, Oscar Wildes Freund.

Seine Bindung zu Alfred Douglas sollte Wilde wenig später nach der Uraufführung von "The Importance of Being Earnest" am 14. Februar 1895 zum Verhängnis werden. Lord Alfred Douglas Vater, Marquess of Queensbury, der die Entwicklungen zwischen seinem Sohn und Oscar Wilde mit Abscheu beobachtet und beiden jeden weiteren Kontakt miteinander, jedoch ohne Erfolg, untersagt hatte, beabsichtigte, Oscar Wilde mit dem Vorwurf der Sodomie vor Gericht zu bringen. Dieser klagte, auch auf Drängen Lord Alfreds, den Marquess of Queensbury schließlich wegen Verleumdung an. Die folgenden Gerichtsverhandlungen senkten das Ansehen Wildes rapide bis er letztendlich nach verlorenem Prozess zu zwei Jahren Zuchthaus und Zwangsarbeit verurteilt wurde.

Ein Rückblick auf Oscar Wildes Leben vor den Jahren im Holloway Prison deckt eine weitere Gemeinsamkeit zwischen "Bunbury" und Wildes Realität auf. Wie die beiden Hauptfiguren der Komödie sich durch die angebliche Sorge um fiktive Personen ein angenehmes Leben zu verschaffen suchen, um dem Ernst und der Verantwortlichkeit ihres eigenen Lebens zu entkommen, so führte auch Oscar Wilde ein Doppelleben. Er bewahrte sich sein Ansehen in der Gesellschaft durch geschicktes Posieren und floh gleichzeitig in eine andere Welt, in der er sich seinen Genüssen hingab, welche die von ihm gehasste Gesellschaft nicht gestattete. Der Konflikt löst sich allerdings nicht wie in der Komödie positiv auf, sondern bedeutet den Abgrund des Dichters.

Das Theater holt die Wirklichkeit schließlich nicht ganz ein. Eher folgt Oscar Wilde der Fiktion, wenn er, gleich dem erfundenen Bruder Algernon Moncrieffs, am 30. November 1900 in Paris verstirbt.

Claudia Rupp